|
Fernfahrer, Dezember 2003 -Thema des Monats:(4 Seiten)
"Camion Pro, Fels in der Brandung" "Camion Pro kämpft gegen Abzocker in der Transportbrache und wirbt für Solidarität." Vier Seiten Bericht des "Fernfahrers" über die Arbeit von Camion Pro und den Kampf des Vereins gegen Wirtschaftskriminalität.
 Test2
Jeder Lkw-Fahrer weiß es, jeder Spediteur weiß es, Polizei und Staatsanwälte wissen es auch: Die Kriminalität im Transportwesen nimmt immer weiter zu - meist auf Kosten von Fahrern und kleinen Angestellten. Nur selten wird den Betrügern das Handwerk gelegt. Der Fahrer- und Transportunternehmerverband Camion Pro bietet den Verbrechern die Stirn. Als jüngsten Erfolg betrachtet Camion Pro die Entlarvung der Geschäftsleute Lehmann und Glück aus dem Raum Leipzig. Verbandsvorstand Andreas Mossyrsch erläutert im Interview das Vorgehen des Duos und die Methoden von Camion Pro.
FERNFAHRER: Herr Mossyrsch, was werfen Sie den Herren Lehmann und Glück vor?
Mossyrsch: Im "Fall Lehmann" können wir nachweisen, dass dieser an sechs Firmen mitgewirkt hat, bei denen vor allem kleine Transportunternehmer und Angestellte erheblich geschädigt wurden. Wir gehen davon aus, dass diese Firmen mit betrügerischen Absichten gegründet wurden. So sind im Fall Trans-Euro-Spedition, Logistikcenter Leipzig und F.LS. über 100 Geschädigte zu befürchten. Wir konnten in unseren Recherchen nicht einen einzigen Transportunternehmer oder Angestellten ausfindig machen, der sein Frachtgeld oder Lohn erhalten hat, deshalb sprechen wir hier vom "Leipzigsyndikat".
FERNFAHRER: Auf welche Weise ist das Duo vorgegangen?
Mossyrsch : Sie haben Transportunternehmen angeworben und Aufträge an diese vermittelt. In den meisten Fällen wurde das Frachtgeld nie ausbezahlt. Außerdem stellte das Duo viele Arbeitslose ein, für die es gar keine sinnvolle Tätigkeit gab. Das Arbeitsamt zahlte pro Arbeitnehmer einen Zuschuss von bis zu 2000 Euro. Aber weder die Angestellten noch die Krankenkasse, Sozialversicherung oder Steuer wurden überhaupt bezahlt. Der Schaden dürfte sich auf mehrere Millionen Euro belaufen.
FERNFAHRER: Wie ermitteln Sie solche Abenteuerlichkeiten?
Mossyrsch: Unsere wichtigsten Ermittlungsorgane sind die Ubi- und Auwei-Listen auf unserer Internetseite. Über die Ubi-Listen bekommen wir Informationen über alle möglichen Transportfirmen herein und auf der Auwei-Liste finden sich dann die wieder, bei denen wir Dubiositäten gefunden haben. Unsere Stärke besteht darin, dass wir aufgrund einer hohen Akzeptanz in der Transportbranche Insiderinformationen teilweise direkt aus dem Umfeld der mutmaßlichen Kriminellen erhalten. Wir kriegen Mitteilungen von Disponenten, Buchhaltern und ehemaligen Geschäftsführern. Uns werden sogar Unterlagen zugespielt, welche so eindeutig und hochwertig sind, dass selbst eine "Soko" mit Hausdurchsuchungsbefehl kaum bessere Ergebnisse erzielen könnte. Im Fall des Leipzigsyndikats haben wir eine Vielzahl von sehr qualifizierten Meldungen erhalten. Die Mitteilungen kamen zuerst von Subunternehmern und dann von ehemalige Angestellten, die uns konkrete Hinweise auf Straftaten lieferten.
FERNFAHRER: Was unternehmen Sie bei Camion Pro, wenn Sie von solchen Machenschaften erfahren?
Mossyrsch: Natürlich können wir nicht jede Information einfach nur glauben, sondern wir reagieren und stellen eigene Ermittlungen an. Ansonsten wären wir sehr schnell unglaubwürdig bei unseren Partnern und auch bei den Strafverfolgungsbehörden. Wenn wir zweifelsfrei nachweisen können, dass eine Firma ihre Fahrer oder Unternehmer mit dubiosen oder kriminellen Geschäftsmethoden schädigt, leiten wir diese Informationen an die Staatsanwaltschaft, den Zoll oder auch an das BAG weiter. Allerdings stellen wir fest, dass deren Ermittlungsverfahren meist Jahre dauern, in denen die Täter mehr oder weniger unbehelligt ihren kriminellen Geschäften nachgehen können. Aus diesem Grund versuchen wir den Übeltätern auch die Geschäftsgrundlagen zu entziehen, indem wir deren auftraggebende Speditionen und Verlader informieren. Wir versuchen die Firmen auf dem Markt zu isolieren. Wir haben auf diese Weise schon ein knappes Dutzend kriminelle Unternehmen zur vorzeitigen Geschäftsaufgabe oder Insolvenz gebracht.
FERNFAHRER: Wie verhalten sich die zuständigen Behörden, die Sie informiert haben?
Mossyrsch: Wir hatten schon Ermittlungsgruppen der BillBz (Spezialeinheit der Zollbehörde zur Bekämpfung illegaler Beschäftigung) zu Gast, die sich bei uns mit Insiderinformationen und Zeugenadressen eingedeckt haben. Dies führte im Fall Reis aus Rohrbach innerhalb weniger Wochen zur Festnahme. Herr Reis wartet seitdem in U-Haft auf seinen Strafprozess. Oft zeigen sich Staatsanwaltschaft und Polizei irritiert, wenn ihnen eine private Organisation umfangreiche Ermittlungsunterlagen, Zeugenaussagen und detaillierte Beweisangebote vorlegt. Einige vom Leipzigsyndikat Geschädigte zeigen Flagge.
FERNFAHRER: Was haben Sie bisher gegen das Leipzigsyndikat erreicht?
Mossyrsch: Wir haben immerhin erreicht, dass diese Angelegenheit nun bei der Staatsanwaltschaft mit erhöhter Gewichtung bearbeitet wird. Und außerdem haben wir die bei den Herren in der Transportbranche so gründlich bloß gestellt, dass die keinen Unternehmer oder Fahrer mehr schädigen. Das betrachten wir als einen wesentlichen Erfolg von Camion Pro.
FERNFAHRER: Welche Chancen sehen Sie für eine Entschädigung der Opfer?
Mossyrsch: In diesem Fall wurden viele Angestellte geschädigt. Diese können zwar auf staatliche Unterstützung wie etwa Konkursausfallgeld hoffen, richtig schlecht sind die Subunternehmer und die kleinen Transporteure gestellt. Diesen droht der Totalverlust ihrer Frachtgelder, da es fraglich ist, ob noch Geldbeträge vorhanden sind oder sichergestellt werden können.
FERNFAHRER: Die Auwei-Liste fragwürdiger Unternehmen, die Sie auf Ihrer Internetseite aufführen, ist lang, wie reagieren denn die angeprangerten Firmen darauf?
Mossyrsch: Ziemlich aggressiv. Wir werden extrem hart bekämpft. In unseren Regalen stehen Leitz-Ordner gefüllt mit einstweiligen Verfügungen, Unterlassungsklagen, und Androhungen von Rechtsanwälten. Aber auch ich persönlich als Vorsitzender werde direkt angegriffen. Ich erhalte Strafanzeigen wegen übler Nachrede, Verleugnung und Geschäftsschädigung. Aber auch anonyme Anrufer, welche ankündigen, "dass Andreas Mossyrsch platt gemacht wird", oder dass "euer Laden hier bald abraucht", hat es schon gegeben. Das dies nicht immer nur leere Drohungen sind, war mir klar, als in unserem Fax ein mehrseitiger Observationsbericht eines Privatdetektivs lag. Der eigentliche Empfänger dieses Berichts war eine Anwaltskanzlei in Hamburg, welche einen in Norddeutschland ansässigen Frachtgauner aus unserer Auwei-Liste vertritt. Die Detektei wurde beauftragt meinen Wohnort und meine Lebensumstände auszuspähen. Zwei andere Camion-Pro-Mitglieder wurden von demselben Frachtgauner mit einem Besuch der Hells Angels bedroht.
 Kontakt
FERNFAHRER: Was können Lkw-Fahrer allgemein tun, damit sie nicht in die Hände eines Frachtverbrechers fallen?
Mossyrsch: Besonders gefährdet sind kleine und selbstfahrende Unternehmer. Aber auch Fälle, in denen Angestellte betrogen worden sind, gibt es immer wieder - wie das Beispiel "Leipzig" zeigt. Deshalb bietet Camion Pro auch angestellten Fahrern die Möglichkeit, unsere Serviceleistung" Wirtschaftsauskunft Cargo Cop" zu nutzen. Wir geben hier unseren Mitgliedern für einen Unkostenbeitrag von 29,90 Euro eine sehr detaillierte Wirtschaftsauskunft über das betreffende Unternehmen. Diese Auskunft enthält allgemeine Handelsregisterdaten, aber auch Informationen der großen Wirtschaftsauskunfteien über die Zahlungsmodalitäten des abgefragten Unternehmens. Dazu noch weitere Berichte, die Camion Pro vorliegen.
FERNFAHRER: Wie finanziert Camion Pro eigentlich die Frachtgaunerjagd?
Mossyrsch: Die Finanzierung der Frachtgaunerjagd stellt ein echtes Problem dar. Wir müssen die Frachtgaunerjagd ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Kaum ein Neumitglied schließt sich unserer Interessensgemeinschaft an, um die Sache zu unterstützen. Fast alle brauchen erst mal Leistungen von Camion Pro - welche wir natürlich gerne erbringen. Was wir allerdings in unserer Branche auch benötigen ist mehr Solidarität. Wir brauchen noch viel mehr Fahrer und kleine Unternehmen bei Camion Pro. Auch würden wir uns über große Transportunternehmen freuen, die unser Engagement unterstützen wollen. |
|
|