Andreas Mossyrsch, Camion Pro e.V.

--Zitat eines LKW-Herstellers--

"Wir bauen unsere LKWs doch nicht, damit man damit Unfälle verursacht!"

Von welchen Mängeln sprechen Sie genau ?Andreas Mossyrsch, Vorstand Camion Pro e.V.

  1. Durch fehlende Sitzverriegelungen bei luftgefederten LKW-Sitzen können eingeklemmte Fahrer bei der Bergung lebensbedrohlich verletzt werden. Für die Rettung wichtige Funktionshebel werden von Feuerwehren als "verwirrend" oder "uneinheitlich gekennzeichnet" eingestuft oder funktionieren nicht.
  2. Da sind aber auch zum anderen immer noch Unklarheiten bei elektronischen LKW-Getrieben. Feuerwehren bestätigen, dass teilweise LKW-Motoren auch nach schweren Unfällen noch laufen. Dies verunsichert natürlich die Rettungskräfte und gefährdet eine zügige Rettung und die medizinische Versorgung von verunglückten LKW-Fahrern.

 

Wieso wird die Rettung der LKW-Fahrer denn verzögert?

Aus Sicherheitsgründen empfehlen viele Feuerwehren, die Bergung (Rettung) der verletzten LKW-Insassen erst nach Abschalten des Motors aufzunehmen.

Hierdurch kann es teilweise zu deutlichen Verzögerungen bei der Versorgung von verletzten Fahrern kommen. Mit Unterstützung der Redaktion "Fernfahrer" haben wir wichtige Fakten hierzu recherchiert. Wir können heute sagen, dass die Risiken, die von Unfall-LKWs mit laufenden Motoren ausgehen, tatsächlich sehr gering sein dürften. Die Hersteller müssen hier aber schnellstens für abschließende Klarheit sorgen.

Wie sind Sie zu diesen Einschätzungen gekommen?

Hierzu gab es bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Camion Pro e.V. hat deshalb zuerst zusammen mit der Berufsfeuerwehr Würzburg und dem Bundesfeuerwehrarzt Prof. Sefrin die wichtigsten Probleme zusammengetragen und dokumentiert. Im Januar und Februar 2006 wurden sämtliche großen LKW-Hersteller angeschrieben und mit Hilfe eines Fragenkatalogs zu den Problemen befragt.

Camion Pro e.V. hat außerdem untersucht, wie die Retter vor Ort mit den Problemen umgehen. Dazu haben wir eine Studie bei den bayerischen Berufsfeuerwehren durchgeführt. Wir wollten wissen, welche Schwierigkeiten die Feuerwehren mit laufenden LKW-Motoren haben und wie die Probleme mit den Fahrersitzen gesehen werden.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie mit Ihrer Studie gekommen?

Die Fahrersitze fielen bei den Feuerwehren glatt durch. 80% der befragten Berufsfeuerwehren stuften beispielsweise die aktuellen Sitze als "verbesserungswürdig" ein. Für die Rettung wichtige Funktionshebel wurden fast ausnahmslos als "verwirrend" oder "uneinheitlich gekennzeichnet" bewertet. Diese Hebel stellen sich zudem im Einsatz oft als "funktionsunfähig" oder "mangelhaft" oder "nicht zugänglich" heraus.

Positive Zensuren wie "gut", "sehr gut", "ideal" oder "zweckmäßig" wurden  von keiner Wehr vergeben. "Ausreichend" oder "keine Angaben" waren die besten Bewertungen bei dieser Studie.

Wie haben die LKW-Hersteller auf diese Anfrage reagiert?

Die Reaktionen waren enttäuschend: Nur zwei Hersteller haben eine qualifizierte Stellungnahme abgegeben. Bis auf Mercedes und Scania kannte niemand die geschilderten Probleme. Alle anderen verwiesen auf die jeweiligen Entwicklungsabteilungen in den Mutterländern oder reagierten gar nicht. Ein LKW-Produzent war offensichtlich verärgert über unsere Recherche und gab mir im Gespräch zu bedenken:

"Wir bauen unsere LKWs doch nicht, damit man damit Unfälle verursacht!"

Der führende Sitzhersteller ISRI betonte, dass man Sitze schließlich nur nach den Vorgaben der LKW-Hersteller produzieren kann. "Individualität" und "Design" stehen hier weit vor "Einheitlichkeit"  auf der Wunschliste der LKW-Industrie.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen speziellen Unfall-Leitfaden für LKW-Fahrer zu entwickeln?

LKW-Fahrer fallen bei Unfällen immer wieder durch ihre Hilfsbereitschaft und ihr beherztes Eingreifen positiv auf. Das haben uns auch die Feuerwehren bestätigt. LKW-Fahrer haben durch ihre spezielle Kenntnisse in LKW-Technik und diverse Ausbildungen in Erste Hilfe und Gefahrgutschulungen sehr gute Voraussetzungen. Die Ausrüstungen vieler LKWs über Feuerlöscher, Ölbinder. reichlich Werkzeug bis hin zu Absicherungsmaterial machen aus einem LKW-Fahrer einen erstklassigen Ersthelfer. Ich bin sicher, dass man durch Weiterbildung der Fahrer in diesem Bereich viel für verunglückte Kollegen und andere Verkehrsteilnehmer erreichen kann. Wir freuen uns daher, dass die Redaktion "Fernfahrer" in das  Projekt eingestiegen ist und dessen Zielsetzung mit uns zusammen vorantreibt.

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 5. August 2008 )